«Swallow The Sun - Shining»
Die neue Platte der finnischen Meister Swallow the Sun mit dem Titel «Shining» hat unter Fans und Musikkritikern bereits für viel Aufsehen gesorgt. Die Band, die durch düstere und emotional schwere Veröffentlichungen in den Genres Death-Doom und Gothic Metal bekannt wurde, wagte im Jahr 2024 ein mutiges Experiment, indem sie Dan Lancaster (Dan Lancaster), bekannt durch seine Zusammenarbeit mit Blink-182, Muse und Bring Me the Horizon, als Produzenten einlud. Eine solche Kollaboration versprach zugleich etwas Neues und Riskantes: Swallow the Sun hatten über zwei Jahrzehnte hinweg konsequent ihren charakteristischen Klangcocktail aus Hoffnungslosigkeit, Melancholie und Schwere weiterentwickelt und beschlossen nun, mehr «Glanz» und «radiofreundliche» Anziehungskraft hinzuzufügen.
Erste Singles und neue Orientierungspunkte
Schon mit den ersten Singles - «Innocence Was Long Forgotten», «What Have I Become» und «MelancHoly» - wurde klar, dass sich die Musiker behutsam in hellere und sogar goth-rockige Gefilde bewegen. Zugleich sind einige Elemente des guten alten Swallow the Sun weiterhin vorhanden: schwere Riffs, die sich mit einer saftigen Keyboard-Atmosphäre abwechseln, sowie ausdrucksstarke heiser-growlige Einschübe des Sängers Mikko Kotamäki. Der Einfluss des neuen Produzenten ist jedoch deutlich hörbar: Der Gesamtsound ist zielgerichteter ausgearbeitet geworden, und stellenweise tauchen Autotune sowie geglättete Parts auf, die man von einer Band, die seit Jahren hoffnungslos düstere Hymnen erschafft, kaum erwartet hätte.Eröffnungstrack und Überraschungseffekt
Betrachten wir den Eröffnungstrack «Innocence Was Long Forgotten»: Er empfängt den Hörer mit warmen Synthesizer-Nuancen und einem beinahe schlagerhaften Refrain, der für sich genommen ordentlich klingt, bei langjährigen Fans jedoch durchaus Verwunderung auslösen könnte. Das Fehlen von rauem Gesang und die betonte gotische Emotionalität erzeugen einen zwiespältigen Eindruck: Einerseits haben Swallow the Sun immer experimentiert und ihren Sound in einzelnen Tracks abgemildert, andererseits wirkte eine so deutliche Pop-Metal-Tendenz früher für sie allzu fremdartig.Rückkehr der Schwere und der erkennbare Stil
Die nächste Komposition, «What Have I Become», stellt das Vertrauen etwas wieder her: schwere Riffs führen die Band zurück auf vertrautes Terrain, und Mikko setzt seinen unverkennbaren Growl ein, als wolle er sagen: «Wir gehen nicht endgültig in den Mainstream». Die Pop-Ästhetik verschwindet nicht - der Refrain klingt ziemlich eingängig und stört dabei auch Fans des härteren Materials nicht. Die Gesangsparts ebenso wie die instrumentalen Arrangements werden zu einer überzeugenden Demonstration dessen, dass Swallow the Sun versuchen, ein Gleichgewicht zwischen emotionaler Tiefe und potenzieller «Radiofreundlichkeit» zu finden.Erweiterung des Experiments und melodische Seite
«MelancHoly», die dritte Single, treibt das Experiment noch weiter und bewegt sich fast in Richtung Pop-Rock-Melodismus. Stoff zum Nachdenken gibt es hier reichlich: Einerseits klingt der Track leichter und zugänglicher für ein breiteres Publikum, andererseits steigt das Risiko, Old-School-Fans zu «verlieren». Dennoch ist im Song die typisch finnische Traurigkeit spürbar: durchdringende Atmosphäre und prächtige Gitarrenparts erschaffen vertraute kalte Landschaften, wenn auch gewürzt mit optimistischeren Noten.Schwere Artillerie und Verbindung zu den Wurzeln
Danach fährt die Band die schwere Artillerie auf - Tracks wie «Charcoal Sky» und «Kold» erinnern daran, dass die Wurzeln von Swallow the Sun in einem mächtigen Death/Doom-Sound liegen und ihre charakteristische düstere Melancholie weiterhin keineswegs verschwunden ist. «Charcoal Sky» etwa flirtet faktisch mit Black Metal und zeigt, dass die Gruppe den Hörer noch immer mit dichten Gitarrenparts und aggressiverem Gesang zu Boden drücken kann. Genau das sind die Momente, in denen man versteht: «Ja, das ist immer noch Swallow the Sun».Dan Lancasters Produktion und der umstrittene Sound
Die Produktionsarbeit von Lancaster sorgt für heftige Diskussionen: Ein Teil des Publikums lobt den Professionalismus, das «Polieren» der Klanglandschaft und die Schicht aus Synthesizer-Effekten, die das Album «Shining» zugänglicher und abwechslungsreicher machen. Der andere Teil wirft der Band Sterilität des Sounds und übermäßige «Plastikhaftigkeit» vor, wobei besonders Autotune und der bis zum Glanz geglättete Gesang schmerzhaft ins Gewicht fallen. Dennoch lässt sich nicht leugnen, dass in den Songs jener emotionale Bruch geblieben ist, den die Band durch «Moonflowers» (2021), «When a Shadow Is Forced into the Light» (2019) und sogar frühere Veröffentlichungen wie «The Morning Never Came» getragen hat. Nur ist dieser Schmerz nun in eine etwas glänzendere Verpackung gehüllt.Mainstream-Potenzial und Parallele zu Metallica
Das Interessanteste an «Shining» ist seine Fähigkeit, Mainstream-Potenzial und gewohnt düsteres Potenzial miteinander zu verbinden. Die Band selbst nannte diese Veröffentlichung treffend das «Black Album of Death Doom» und verwies damit auf die zwiespältige Reaktion auf das «schwarze Album» von Metallica im Jahr 1991. Damals erweiterten Metallica ihr Publikum deutlich, auch wenn sie einen Teil der alten Fans enttäuschten. Wahrscheinlich streben Swallow the Sun unbewusst nach Ähnlichem: neue Hörer anzuziehen, die für leichtere Formate offen sind, und zugleich den Kern jener zu bewahren, die finnische Kälte, Verhängnis und majestätische Melancholie schätzen.Doppelgesichtigkeit des Albums und Gesamteindruck
Am Ende ist das Album «Shining» ein mutiger Schritt in Richtung eines moderneren, «bereinigten» Sounds, der zwiespältige Gefühle hervorrufen kann. Einerseits gibt es darin starke Gitarrenparts, vertraute Hoffnungslosigkeit und schwere Riffs, andererseits ist eine Tendenz zum Pop Metal spürbar: glänzende Produktion, einprägsame Refrains und kürzere Kompositionen ohne die früheren «Weiten» und den tiefgehenden Aufbau der Atmosphäre. Diese Dualität kann neue Fans zu Swallow the Sun führen, aber auch die konservativsten Anhänger des frühen Death-Doom abschrecken. Dennoch kann man das Album nicht als eindeutigen Fehlschlag bezeichnen. Vielmehr ist es ein waghalsiges Experiment, das Respekt verdient, auch wenn es längst nicht jedem gefallen wird.Das neue Gesicht von Swallow the Sun und der Blick in die Zukunft
Wenn Sie jedoch die dunkle Romantik von Swallow the Sun lieben, sollten Sie sich nicht davor scheuen, «Shining» eine Chance zu geben. Hinter dem Glanz der glänzenden Produktion verbergen sich nach wie vor Traurigkeit und Bitterkeit, die die Band weltweit berühmt gemacht haben. Vielleicht haben sie, indem sie einen Teil ihrer früheren Massivität aufgegeben haben, eine Pause von der hoffnungslosen Finsternis eingelegt und versucht, ihre eigene Musik von einer anderen Seite zu betrachten. Wie die Geschichte zeigt, führen solche Entscheidungen manchmal zu den interessantesten Wendungen im Schaffen. Vielleicht entsteht genau so das neue Gesicht von Swallow the Sun - und wer weiß, welche Horizonte sich ihnen als Nächstes eröffnen werden?
Bewertung: 6/10
Danke: -